Einfach wegsperren!

Einfach wegsperren!


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Veröffentlicht von Christina Duncker am Samstag, 18. April 2020, 03:00 Uhr
© CD

Moin, 

wie ihr wisst, bin ich ja Hamburgerin und meine Eltern leben immer noch dort. Wir haben uns ewige Wochen nicht gesehen, aber wir telefonieren ja täglich. 

Es ist immer wieder bizarr, was meine Mutter so erzählt. Einkaufen ist in Hamburg mit viel Gezicke und Pöbeleien verbunden. 

So ist es meiner Mutter mehrfach passiert, dass sie angepöbelt wurde, doch gefälligst im Haus zu bleiben. „Wegen euch Alten müssen wir den ganzen Sch.. doch machen.“ 

Ich kann ja verstehen, dass die Nerven in einer Großstadt blanker liegen als woanders, aber das geht nun wirklich nicht. 

Meine Mutter ist jedoch nicht so leicht zu erschüttern und ihre Blicke sagen mehr als tausend Worte. Ich weiß, wovon ich rede, denn mit ihren Blicken hatte sie meine drei Brüder und mich auch stets im Griff.

Gestern erzählte sie mir, dass der große Supermarkt bei ihr um die Ecke den Einkauf immer mehr durchorganisiert. Nur wenige Kunden dürfen den Laden zeitgleich betreten, stets muss man einen Einkaufswagen benutzen und es gibt einen Eingang und einen Ausgang. Niemand darf beim Eingang rausgehen. Natürlich gibt es auch jede Menge Security. 

Meine Mutter musste nun erst einmal warten, dass sie in den Supermarkt durfte. Da überholt ein Mann die Schlange von hinten und wollte einfach in den Laden gehen. Der Security-Mann hielt ihn zurück und sogleich fing der Mann an zu schreien: „Ich will doch nur drei Teile kaufen, da brauche ich keinen Einkaufswagen.“ (Der Einkaufswagen dient ja auch vorrangig dem Abstandhalten. Egal) Der Mann ließ sich nicht beruhigen. Der eigentlich nächste Kunde, der in den Laden gedurft hätte, trat an den Schreihals seinen Einkaufswagen ab und ließ ihn vor.

In der Tat war der Mann schnell fertig mit seinem Einkauf. Als er mit seinem Einkauf auf den Eingang zusteuerte, wurde er darauf hingewiesen, dass er den Ausgang benutzen muss. Das sah er nun überhaupt nicht ein, sein Auto stünde hier neben dem Eingang.

„Es war ein Reflex. Ich habe nicht nachgedacht.“ entschuldigte sich meine Mutter. 

Was war passiert?

Als der Schreihals durch den Eingang den Laden verlassen wollte, gab meine Mutter ihrem Einkaufswagen einen Schubs und crashte ihren Einkaufswagen voll in den Wagen des Schreihalses und sogleich ging die Schimpftirade wieder los. Da packte ihn der Security-Mann und geleitet ihn aus dem Laden - durch den Ausgang wohlgemerkt. Der junge Mann hinter meiner Mutter meinte nur: „Respekt. Sie können hier ja gleich anfangen.“

Ihr Lieben, wir müssen uns noch lange auf Einschränkungen und neue Regeln einstellen. Wir können uns das Leben gegenseitig schwer machen, indem wir uns beschimpfen und uns gegenseitig die Schuld an allem geben. 

Dann wird es hässlich und unerträglich. Niemand kann das ernsthaft wollen.

Also, hört auf, den älteren Menschen die Schuld zu geben und sie zu diskriminieren.

Und keiner, ob jung oder alt hat das Recht, sich wie die Axt im Walde zu benehmen.

Wir wollen die älteren Menschen schützen, sie aber nicht wegsperren.

Die älteren Menschen sind mündig, erfahren und oft couragierter als wir jungen Hüpfer. 

Ich schreibe das nicht, weil es um meine Mutter geht. In meinem Beruf habe ich das Vergnügen, unglaublich tolle, mutige und weise ältere Menschen kennenzulernen. Keinen von ihnen will ich weggesperrt wissen. Selbst den Schreihals würde ich nicht wegsperren, nur böse anblicken. Ach nein, das überlasse ich auch meiner Mutter ; ) 

Pastorin Duncker

PS: Meine Mutter im Film-Museum in Quarzazate/Marokko in der Filmkulisse von „The Gladiator“.

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