Wir werden alle einander viel zu vergeben haben

Wir werden alle einander viel zu vergeben haben


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Veröffentlicht von Christina Duncker am Donnerstag, 23. April 2020, 04:15 Uhr
© Szilárd Szabó

Moin,

gestern beim Kochen mit halben Ohr bei der Pressekonferenz von Jens Spahn der Satz der mich aufhorchen lässt: "Wir werden alle einander viel zu vergeben haben." Die Nachfrage des Journalisten verstehe ich nicht, weil das Mikro nicht geht. Spahn setzt nach: "Ja, damit meine ich auch Sie, die Journalisten. Meinen Sie denn wirklich, dass jeder Ihrer Kommentare, jede Einschätzung von Ihnen sich rückblickend als richtig erweisen wird?! Ich für meinen Teil glaube nicht, dass jede Entscheidung sich nachher als richtig erweisen wird. Wir werden einander viel, sehr viel zu vergeben haben."  Und er nimmt sie alle mit hinein: Politiker*inne, Virolog*innen, die Presse und sich selbst.

Ich bin erstaunt wie neulich ein Kommentator, der nach dem Bashing gegen Merkel wegen ihrer Ausstiegsdisskusionsorgien-Aussage, schrieb: "Ich glaube nicht, dass ich Frau Merkel verteidige, aber ich tue es." So muss auch ich eingestehen, dass ich nie gedacht hätte, einmal etwas derart weises von Herrn Spahn zu hören. 

Ich bin ganz seiner Meinung. Wir alle sind inzwischen Corona-Expert*innen. Ich nehme mich da gar nicht aus. Die unterschiedlichen Meinungen treffen zunehmend verhärtet aufeinander, das Verständnis für die Gegenseite sinkt. Ja, wir verletzen und verurteilen einander. Darum stimmt die Einschätzung, dass wir einander viel zu vergeben haben, Abbitte werden leisten müssen, denn niemand weiß, was kommt, was richtig und was falsch ist. Doch das vergessen wir oft.

Nehmen wir uns zurück, werden demütiger angesichts der Größe des Problems und der Ungewissheit.

Lasst uns hören auf die Weisheit der Bibel, vielleicht werden wir dann weiser und haben einander weniger zu vergeben:
Wer schon vor dem Zuhören antwortet, ist dumm und blamiert sich. Spr 18,5.

Sei schnell bereit zum Zuhören, aber lass dir Zeit mit der Antwort.
Wenn du etwas von der gefragten Sache verstehst, antworte deinem Gegenüber, wenn aber nicht, bleibe dein Mund verschlossen.
Beides, Ansehen und Verachtung, wird durch Reden bewirkt,
und die Zunge eines Menschen kann ihn zu Fall bringen.
Weish 5,11ff.

Pastorin Duncker

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