Ein Indianer kennt kein Schmerz

Ein Indianer kennt kein Schmerz


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Veröffentlicht von Christina Duncker am Montag, 22. Juni 2020, 15:37 Uhr
© Cd

Moin, 

ich gebe zu, dass ich kein einziges Buch von Karl May gelesen habe und auch erst als Erwachsene die Karl-May-Spiele in Bad Segeberg besucht habe (Hier mit meinem Neffen Julian). Doch die Winnetou-Filme mit Pierre Brice haben meine Kindheit geprägt. Haben sie mich zu einer Rassistin gemacht? Nein, sage ich, aber sie haben mir auch kein realistisches Bild über die Natives in Nordamerika vermittelt.

Die Black-Lives-Matter-Bewegung fordert uns alle auf, unser Denken und Handeln zu hinterfragen. Wo schauen wir nicht genau hin? Wo gehen wir der Auseinandersetzung aus dem Weg? Sind wir Rassisten? Unterstützen wir eine systematische Diskriminierung?

Vor Jahren in einer anderen Stadt, in einem Fitnessstudio trainierte uns ein junger Mann, der nordisch schnackte, aber nicht so aussah. Südländisch, wie es dann so oft heißt. Eine ältere Dame faste sich ein Herz: "Woher kommen Sie?" - "Aus Österreich. Ich bin Österreicher." Ich konnte mir das Lachen kaum verkneifen, wollte die Dame doch etwas anderes wissen und der junge Mann wusste dieses genau. 

Ich kann verstehen, dass der junge Mann nicht auf sein exotisches Aussehen reduziert werden wollte und dass er diese Frage als Kränkung, Diskriminierung empfunden hat. Am Ende klärte er uns dann doch auf. Österreichische Staatsangehörigkeit mit indischen Vorfahren, aber in Deutschland aufgewachsen. 

Mit einer Freundin diskutierte ich über die Frage, ob man fragen darf: woher man kommt. Sie vertrat die Meinung, dass diese Frage immer diskriminierend gemeint sei, wenn der Gefragte nicht "typisch" deutsch aussähe. Ich hingegen fand, dass es eine legitime Frage ist. Lerne ich jemanden kennen, dann möchte ich doch irgendwann gerne wissen, wo er oder sie aufgewachsen ist. Weil ich neugierig bin, nach Gemeinsamkeiten suche, aber doch nicht weil ich jemanden diskriminieren will. Ich setze nicht voraus, dass Menschen, die nicht wie ich aussehen, nicht in Hamburg, Kassel oder Heidelberg aufgewachsen sind. Darf ich dennoch niemanden, der nicht "typisch" deutsch aussieht, nach seiner Herkunft fragen?!
Was ist denn "typisch" deutsch? Als Kind wurde ich im Ausland oft für eine Schwedin oder Dänin gehalten. 

Doch die Diskussion brachte mich zum Nachdenken, wo bin ich diskriminierend und merke es gar nicht - will es auch gar nicht.

Wir müssen uns immer wieder kritisch selbst hinterfragen und uns auf andere Perspektiven einlassen, um zu verstehen, wie unterschiedlich die Erfahrungen sind.

Mich beschämen die Berichte über die Natives in Nordamerika, die in Reservaten ohne Arbeit und Perspektive leben und jetzt durch Corona erneut sterben wie die Fliegen, weil es keine angemessene Krankenversorgung in den Reservaten gibt, weil die aufgezwungene europäische Lebensart sie alle chronisch krank gemacht hat. 

Und wir? Wir sperren Menschen in Massenunterkünfte, in Hochhausghettos und Fleischfabriken und schauen weg. Hauptsache billiges Fleisch. Und wenn sie krank werden, geben Politiker im ersten Impuls ihnen die Schuld. 

Wir alle haben sehr viel zu überdenken. 

Pastorin Duncker