Demokratische Meinungsäußerung

Demokratische Meinungsäußerung


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Veröffentlicht von Christina Duncker am Mittwoch, 2. September 2020, 18:01 Uhr
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Moin,

natürlich kann man mir als Pastorin von berufs wegen eine gewisse Naivität oder Gutgläubigkeit unterstellen und dass ich kritiklos Autoritäten anerkenne. Doch ich denke, dass man mir damit unrecht tun würde.

Weder als Pastorin noch als Christin ist man von Vernunft, Logik und kritischem Denken befreit. 

So bin ich mir natürlich bewusst, dass nicht alles ideal in unserem Land ist und es ganz viel Potential nach oben gibt.

Nie aber hatte ich das Gefühl, dass ich meine Bedenken und Kritik nicht äußern darf. Ich fühle mich nicht entmündigt, nicht manipuliert. Ich empfinde die Corona-Maßnahmen nicht als überzogen unverhältnismäßig, aber durchaus nicht immer als logisch stringent. Warum dürfen Chöre jetzt proben, aber in Gottesdienste immer noch nicht gesungen werden??? Erschließt sich mir nicht. Doch ich habe genügend demokratische Mittel meinen Unmut zu äußeren und für meine Meinung einzutreten. 

Dazu gehört aber definitiv nicht, den Reichstag zu erstürmen. 

Wer das Handyvideo gesehen hat, in dem die Menschen versuchen, in den Reichstag zu gelangen und immer wieder die freudig aufgeregte Stimme hört: "Wahnsinn! Wahnsinn! Wahnsinn!" der teilt hoffentlich mein Entsetzen. 

Ja, es gibt Menschen unter uns, die ein anderes Land wollen. Mit Corona aber hat das nichts zu tun.  

Ich erinnere mich noch genau, als im letzten Jahr am 1. September ein Reinfelder - aus meiner Nachbarschaft! - um 5:45 Uhr lauthals in die Nacht schrie: Sieg Heil! Mehrfach. Es war der Sonntag des Karpfenfestes und ich hielt den Gottesdienst. Als ich davon sprach, bestätigten Besucher entsetzt diesen Vorfall: "Das habe ich auch gehört!".

Einer meiner Nachbarn stellt seinen Wecker, um 80 Jahre nach Kriegsbeginn auf die Minute genau "Sieg Heil!" zu brüllen. Mir wird schlecht. 

Ich vermute, dass er nichts von den Schrecken eines Krieges weiß, nie töten musste. Ich frage mich, welche Erniedrigung, welche Leere in seinem Leben ihn so hassen lässt.

Ich weiß bis heute nicht, wer in dieser Nacht geschrien hat. Dieses finde ich viel beunruhigender als irgendeine Corona-Maßnahmen. 

Und es ist die Frage, welcher Virus gefährlicher ist, mit dem sich die Demonstrant*innen in Berlin anstecken konnten: Corona oder nationalsozialistischer Hass.

Pastorin Duncker