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Mut zu unbequemen Entscheidungen - Was Jugendliche zur aktuellen Schulsituation sagen.

Mut zu unbequemen Entscheidungen - Was Jugendliche zur aktuellen Schulsituation sagen.


# Neuigkeiten
Veröffentlicht von Christina Duncker am Dienstag, 9. März 2021, 20:08 Uhr

Die sogenannte Vertreibung aus dem Paradies in Genesis 3 war das Thema einer gemeinsamen online Bibellese mit einigen meiner Konfirmandinnen im Februar. Als Einstieg bat dich die Konfis: „Stellt euch vor, Frau Prien hat sich das Bein gebrochen und nun sollt ihr gleich im Kieler Landtag Empfehlungen abgeben, wie es in der Schule weitergehen soll.“

Schweigen.

Nach geraumer Zeit: „Das ist ganz schön schwer.“ meinte eine Konfirmandin letztlich etwas ratlos. Nach und nach kam das Gespräch dann aber in Gang. Grundsätzlich war die Zustimmung zu den bestehenden Maßnahmen groß. Weitere oder ganz andere Maßnahmen kamen aber zunächst gar nicht in den Blick. Eher die Einsicht, dass man die bestehenden Maßnahmen noch konsequenter umsetzen müssten, wenn man wieder in der Schule wäre. „Die fünften Klassen sollten kein Fangen mehr auf dem Schulhof spielen und wir müssen die Masken wirklich überall tragen.“

Vorschläge, wie nur kleine Lerngruppen mit 3 bis 5 Schüler*innen pro Lehrer*in, wurden durch die Nachfrage „Woher nimmst du die ganzen Lehrkräfte?“ wieder verworfen. Alle waren sich einig: Es ist verdammt schwer! Man muss so viele Dinge bedenken. 

Im weiteren Austausch wurde aber auch plötzlich bewusst, was die Lehrkräfte seit Monaten leisten. Die Konfirmandinnen stellten fest, dass es scheinbar ganz normal sei, dass die Antworten und Rückmeldungen ihrer Lehrer*innen oft nachts um 2 oder 3 Uhr per email kommen. „Die haben ja gar keine Freizeit mehr. Die arbeiten ja rundum die Uhr!“ steht sie erstaunt fest. Klasse, fanden es die Jugendlichen, dass einige Lehrer*innen sogar ihre private Telefonnummer für Rückfragen oder Probleme rausgegeben hatten. 

Am Ende hatten sie dann doch eigene Idee. Eine Lernpartnerin, mit der man zusammen online die Hausaufgaben macht und sich gegenseitig motivieren kann, wenn man durchhängt. Zeit in einer Videokonferenz, um mit ihren Lehrer*innen so ein Gespräch wie hier zu führen. Das wäre toll. Auch mal ein nettes oder überhaupt ein Feedback zu bekommen, würde sie freuen.   

Meine Ahnungen wurden in diesem Gespräch bestätigt. Es geht vorwiegend um das Halten von Lernstandards und eben nicht um das Wohl der Kinder und Jugendlichen. Es gibt keinen Raum für das Miteinander, das doch so sehr fehle, wie in den Medien immer behauptet wird. Das geht sehr wohl auch online, aber den Lehrkräften wird das nicht gestattet. Zu groß ist der Druck, dass das Wissen in die Kinder und Jugendlichen gepresst wird. Da bleibt keine Zeit zu fragen: Wie geht es euch? Was denkt ihr eigentlich gerade über all das? Was vermisst ihr? Was ist gut?

Aus meiner Familie und meinem Freundeskreis weiß ich, wie frustriert viele Lehrer*innen sind, weil es ihnen so schwer gemacht wird. Mitdenken, eigene Ideen einbringen, die Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen kreativ aufnehmen - unerwünscht, abgeblockt. 

Die Bildungsminister*innen und den Schulbehörden scheint es, nur um Standards zu gehen. Das Jammern um eine verlorene Generation finde ich unerträglich.

„Wir lernen so viel anderes, was wir im normalen Unterricht so nie gelernt hätten. Eigenständigkeit und Organisation. Ich finde das gut. Das hilft uns in der Zukunft auch sehr.“ ist sich eine Konfirmandin sicher. 

Stimmt - nicht für alle, klar, darum wäre es toll, wenn die Lehrkräfte auf ihr pädagogisches Wissen zurückgreifen dürften, mit ihre Kenntnis über Hintergrund und Klassengefüge bewusste Lernteams unter ihren Schüler*innen bilden könnten.

„Warum müsst ihr nach diesem Halbjahr Noten bekommen?“ frage ich.
„Wenn wir keine Noten bekommen, dann halten uns die Menschen für dumm.“
„Quatsch!!!“ Ich bin entsetzt. „Ihr seid so viel mehr als eure Noten. Lasst euch so einen Blödsinn nicht einreden!“

Nichts ist normal, warum fällt es den Bildungsminister*innen so schwer, innovativ und unorthodox zu denken?

Weil das Schul-, Studien- und Ausbildungssystem in ein enges Korsett gepresst ist, das jungen Menschen immer weniger Raum zur individuellen Entfaltung bietet?
Weil pädagogisches Potential der Lehrer*innen in der scheinbar sehr hierarchischen Struktur der Schule nicht wahrgenommen wird. 

„Wir Fachkolleg*innen haben ein tolles Präsenz-Unterrichtskonzept entwickelt, das uns und die Schüler*innen schützt. Doch: Wusch! Dienst nach Vorschrift.“ höre ich von einer Freundin frustriert.   

Das letzte Mal, dass in Deutschland kein normaler Schulunterricht stattfand, war am Ende und nach dem zweiten Weltkrieg. So kam mir nach dieser online Bibellese, bei der wir letztlich nur diskutiert haben, die Idee, eine Schülerin von damals zu fragen, wie sie ihre Schulzeit erlebt hat und wie sich ihre unorthodoxe Schulzeit auf ihr weiteres Leben ausgewirkt hat.

So rief ich Emmi Jensen an. Sie hat ihr Schulzeit auf Föhr erlebt. Ihre Lernsituation war schon anders als für die Kinder z.B. in Hamburg, aber dennoch hat sie viel Vergleichbares erlebt. Sie ist Fachfrau für eine „unnormale Schulzeit“.     

Duncker: Was ist deine schönste Erinnerung an die Schulzeit? Hast du gerne gelernt? 

Jensen: Ich bin im 2. Weltkrieg und bis nach der Währungsreform 1949 zur Schule gegangen. Lernen hat mir Spaß gemacht. Es war ja auch die einzige Abwechslung, die wir hatten. In der Familie musste man mithelfen. Dazu gehörte Holz sammeln, Kaninchenfutter pflücken, Beerenobst und Bohnen kamen auch nicht alleine in die Küche.

Unsere Klassen waren überfüllt. Wir waren bis zu 56 Schüler und Schülerinnen in meiner Klasse. Während des Krieges hatten wir viele zusätzliche Kindern aus den Großstädten in der Klasse und später dann die Flüchtlingskinder. Da habe ich so manches Mal mein Brot oder den Apfel mit einer Freundin geteilt. Die Väter waren im Krieg und die Mütter mussten sehen, dass sie alle satt kriegten. 

Ein großes Problem waren Schuhe. Manchmal hatten zwei Geschwister ein Paar Schuhe und kamen abwechselnd.

Duncker: Was war dein Lieblingsfach?

Jensen: Ich habe  Geografie gemocht und mit dem Finger auf der Landkarte bin ich gereist. Unser Anschauungsmaterial waren wenige Bildbände. Papier zum Schreiben und Malen waren knapp. Die Texte in vielen Fächern wurden an die Tafel geschrieben und nachmittags mussten wir die abschreiben.

Duncker: Hattest du als Schülerin das Gefühl, dass du etwas verpasst hast bzw. dass du zu wenig gelernt hast?

Jensen: Unsere Schule war zeitweilig Lazarett und zwei Winter hatten wir keinen Unterricht. Ein Schuljahr mussten wir doppelt machen. Wir holten uns einmal die Woche Aufgaben ab. Wir hatten mehrere Jahre Schichtunterricht. In den Pausen hatten wir einen ungepflasterten Hof und konnten Spielfelder aufmalen. Wenn die Bälle die Luft verloren hatten, mussten Stoffbälle her, die waren sehr hart . Ich denke aber, dass ich die Grundlage für mein Leben mitbekommen habe.

Duncker: Hast du den Schulabschluss gemacht, den du wolltest? Und hast du die Ausbildung gemacht, die du machen wolltest?

Jensen: Meine Ziele waren die „Mittlere Reife“ und eine  Ausbildung  zur Krankenschwester. 

Duncker: Wie beurteilst du rückblickend deine Schulausbildung? Was war rückblickend überflüssig zu lernen?

Jensen: Ich habe das Gefühl nichts unnötiges gelernt zu haben, außer in Mathe!

Duncker: Was ist deine bedrückendste Erfahrung in der Schule gewesen?

Jensen: Bedrückt haben mich, die Mitschülerinnen und Mitschüler deren Väter nicht wieder gekommen sind und die Flüchtlingskinder.

Duncker: Hast du mit einer Schulfreundin heute noch Kontakt?

Jensen: Ich habe bis heute noch eine Verbindung zu Klassenkameradinnen und Klassenkameraden.
Alle haben, trotz den Schwierigkeiten, ihr Leben gemeistert.

Duncker: Was würdest du heute den Schüler*innen mit auf den Weg geben? Was würdest du den Eltern als Tipp geben?

Euch, die ihr die „Coronazeit „ mitmacht, möchte ich sagen, dass ihr an euch selbst glauben müsst und mit Eltern ,Lehrern und Schulfreunden den Start ins Leben schafft. Macht euch und euren Eltern Mut, denn wenn alle zusammenhalten wird es werden.

Duncker: Und hast du einen klugen Rat für die Bildungsministerin Frau Prien?

Jensen: Es gibt unangenehme Entscheidungen. Die Bildungsministerin soll auch den Mut haben unbequeme Entscheidungen zu treffen zum Besten für euch alle.  

Vielen Dank, Emmi! 

Zum Besten für alle Kinder und Jugendlichen glaube ich jetzt noch fester, dass diese Generation nicht verloren ist.

Ich wünsche den Schüler*innen und Lehrkräften auf unorthodoxen Wegen sich die Lust am Entdecken, Ausprobieren und ja, Lernen zu erhalten. Ich wünsche ihnen Zeit zum Reden und Zuhören.

Duncker